Was eine Sicherung tut — und was nicht
Die Frage „welche Sicherung braucht mein Gerät“ ist falsch gestellt, und aus dieser falschen Frage entstehen die meisten Fehler. Eine Sicherung schützt kein Gerät. Sie schützt die Leitung.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Ein Kabel verträgt einen bestimmten Dauerstrom, ohne dass seine Isolierung zu heiß wird. Wird dieser Strom überschritten — durch einen Kurzschluss, einen blockierten Motor oder einen Isolationsfehler — muss der Stromkreis unterbrochen werden, bevor das Kabel Schaden nimmt. In einem Bootsrumpf ist das kein akademischer Punkt: Ein durchgescheuertes, unabgesichertes Kabel ist eine der häufigsten Brandursachen an Bord.
Geräteschutz ist etwas anderes. Er ist Aufgabe des Geräts selbst — über interne Sicherungen, Temperaturwächter oder Elektronik — oder einer zusätzlichen, kleineren Sicherung unmittelbar davor.
Der Nennwert liegt zwischen zwei Grenzen
RegelDauerstrom des Verbrauchers < Nennstrom der Sicherung ≤ Strombelastbarkeit der Leitung
Nach oben ist alles festgelegt: Der Nennstrom der Sicherung darf die Strombelastbarkeit der geschützten Leitung nie überschreiten. Das ist die eine harte Grenze, und sie ist der Grund, warum man eine auslösende Sicherung nicht einfach durch eine größere ersetzt.
Nach unten bestimmt der Verbraucher: Die Sicherung muss den normalen Betriebsstrom dauerhaft führen, ohne auszulösen. Üblich sind 20 bis 30 Prozent Abstand zum Dauerstrom, damit Wärme und Alterung nicht zu Fehlauslösungen führen.
Ein Rechengang in vier Schritten
- Dauerstrom des Verbrauchers ermitteln. Aus dem Typenschild, oder Watt geteilt durch Bordspannung. Bei mehreren Verbrauchern an einem Kreis die Summe.
- Querschnitt festlegen. Nach dem größeren Wert aus Spannungsfall und Strombelastbarkeit.
- Strombelastbarkeit dieses Querschnitts in der tatsächlichen Verlegeart nachschlagen. Nicht die Bestwerte — die Werte für Ihre Situation.
- Sicherung wählen, die über dem Dauerstrom und unter der Strombelastbarkeit liegt.
Beispiel: Ein Kreis mit 8 A Dauerstrom, ausgeführt in 4 mm², verlegt einzeln außerhalb des Motorraums. Die Strombelastbarkeit liegt je nach Isolationsklasse deutlich über 20 A. Gewählt wird eine Sicherung mit 10 oder 15 A — komfortabel über dem Dauerstrom, sicher unter der Belastbarkeit der Leitung.
Die Strombelastbarkeit hängt an der Umgebung
Derselbe Querschnitt verträgt nicht überall gleich viel. Drei Faktoren wirken:
Umgebungstemperatur. ABYC E-11 unterscheidet ausdrücklich zwischen Verlegung innerhalb und außerhalb von Motorräumen. Ein 12-AWG-Leiter mit 75-°C-Isolierung darf außerhalb 18,8 A führen, innerhalb 35 A — wobei der höhere Innenwert daher rührt, dass dort ohnehin höhere Temperaturen zugrunde gelegt und die Grenzwerte anders angesetzt werden. Wichtig ist die Erkenntnis dahinter: Ohne Angabe der Verlegeart ist eine Strombelastbarkeit keine Zahl, mit der man rechnen kann.
Bündelung. Liegen mehrere stromführende Leitungen im selben Bündel, können sie ihre Wärme schlechter abgeben. Ab drei Leitern gelten Abschläge, die mit der Anzahl deutlich zunehmen.
Isolationsklasse. Eine 105-°C-Isolierung trägt mehr als eine mit 60 °C. An Bord ist hochtemperaturfeste, verzinnte, feindrähtige Leitung der Standard — nicht wegen der Belastbarkeit, sondern wegen Vibration und Korrosion.
Anlaufströme: Charakteristik statt größerer Nennwert
Motoren, Pumpen, Kompressoren und Wechselrichter ziehen beim Einschalten ein Vielfaches ihres Dauerstroms — für Sekundenbruchteile bis wenige Sekunden. Eine flinke Sicherung sieht das als Fehler.
Die richtige Antwort darauf ist eine träge Charakteristik, die kurze Spitzen überbrückt und bei anhaltender Überlast trotzdem auslöst. Die falsche Antwort ist ein größerer Nennwert: Der hebt zwar die Auslöseschwelle, aber eben auch über die Belastbarkeit der Leitung hinaus — und damit ist der Leitungsschutz weg.
WarnungWenn eine Sicherung wiederholt auslöst, ist das eine Meldung und kein Maßproblem. Suchen Sie die Ursache: klemmende Pumpe, gealterter Motor, Scheuerstelle, zu hoher Anlaufstrom durch Unterspannung. Eine größere Sicherung beseitigt nur die Anzeige, nicht den Fehler.
Bauformen und wo sie hingehören
Flachsicherungen sind der Standard für Stromkreise bis etwa 30 A. Günstig, kompakt, überall verfügbar — aber mit begrenztem Schaltvermögen und deshalb nichts für die Hauptabsicherung.
Schutzschalter vereinen Sicherung und Schalter. In der Schalttafel sind sie praktisch, weil sich ein Kreis gezielt freischalten und nach der Fehlersuche zurücksetzen lässt. Auf ihr Schaltvermögen ist zu achten.
Streifen- und Bolzensicherungen decken den Bereich zwischen Verteilung und großen Einzelverbrauchern ab — Wechselrichter, Ankerwinsch, Bugstrahlruder.
Class-T-Sicherungen sind für die Hauptabsicherung gedacht, wo sehr hohe Kurzschlussströme sicher unterbrochen werden müssen. Dazu mehr im Beitrag zur Hauptsicherung.
Ausnahmen und Grenzen
Anlasserkreise. ABYC nimmt Leitungen zum Anlasser von der Absicherungspflicht aus, weil der Anlassstrom jede sinnvoll dimensionierte Sicherung auslösen würde. Diese Leitungen werden stattdessen mechanisch geschützt: fest verlegt, mit Scheuerschutz, mit Abstand zu Masse führenden Teilen.
Faustregeln aus der KFZ-Welt. „Sicherung gleich das Anderthalbfache des Verbraucherstroms“ funktioniert nur, solange der Querschnitt großzügig ist. An Bord, wo aus Spannungsfallgründen oft ohnehin dicker ausgelegt wird, führt sie zu unnötig großen Sicherungen — und wo knapp ausgelegt wurde, zu gefährlich großen.
Mehrere Verbraucher an einem Kreis. Die Sicherung schützt die gemeinsame Leitung. Jeder abzweigende dünnere Ast braucht eine eigene, kleinere Sicherung — sonst ist er faktisch unabgesichert.
Typische Fehler
- Sicherung nach dem Gerät gewählt. Maßgeblich ist die Leitung.
- Nach dem Auslösen vergrößert. Damit ist der Leitungsschutz aufgehoben.
- Verlegeart nicht berücksichtigt. Gebündelt und warm verträgt dasselbe Kabel deutlich weniger.
- Abzweige ohne eigene Sicherung. Der dünnere Ast ist dann ungeschützt.
- Flinke Sicherung an einem Motorkreis. Führt zu Fehlauslösungen und danach meist zum vorigen Fehler.
- Schaltvermögen ignoriert. Vor allem bei Lithiumbatterie-Bänken relevant.
- Sicherung am falschen Ende. Sie gehört an den Anfang der zu schützenden Leitung, also quellenseitig.
Dokumentieren
Halten Sie je Stromkreis fest: Verbraucher, Dauerstrom, Querschnitt, Länge, Sicherungsnennwert und Bauform. Eine solche Liste ist beim nächsten Umbau mehr wert als jede Erinnerung, und im Fehlerfall entscheidet sie darüber, ob die Suche zehn Minuten oder einen Nachmittag dauert. Sie ist außerdem die Grundlage für jede spätere Erweiterung: Ohne sie weiß niemand, welche Reserve noch da ist.
