Sobald 230 Volt an Bord kommen — über Landanschluss, Generator oder Wechselrichter — gelten andere Regeln als auf der Gleichstromseite. Der Grund ist nicht nur die Spannung, sondern die Umgebung: leitfähige Strukturen, Feuchtigkeit und ein Mensch, der oft barfuß und geerdet steht.
Der Schutzleiter
Er ist das zentrale Element der ganzen Anlage. Seine Aufgabe: Berührbare Metallteile so mit dem Erdpotenzial zu verbinden, dass im Fehlerfall ein Strom fließt, der die Schutzeinrichtung auslöst — bevor jemand den Fehler mit der Hand findet.
Daraus folgen die Anforderungen: Der Schutzleiter wird durchgehend geführt, nie geschaltet, nie abgesichert und nie unterbrochen. Er ist grün-gelb, und diese Farbe wird für nichts anderes verwendet. Alle berührbaren Metallteile der Wechselstromanlage hängen daran.
WarnungEin unterbrochener Schutzleiter ist von außen nicht erkennbar. Die Anlage funktioniert vollständig normal — bis zum ersten Fehler, und dann fehlt genau die Einrichtung, die ihn abschalten soll.
Fehlerstromschutz
Die zweite Säule ist der Fehlerstromschutzschalter. Er vergleicht hin- und rückfließenden Strom und trennt, sobald die Differenz einen Grenzwert überschreitet — für den Personenschutz sind das 30 Milliampere. Ein Strom, der über einen Menschen abfließt, löst ihn aus, lange bevor eine Leitungsschutzsicherung reagieren würde.
Verbaut werden üblicherweise kombinierte Geräte, die Fehlerstrom- und Leitungsschutz in einem Schalter vereinen: als Hauptschutz an der Einspeisung mit 16 oder 25 Ampere und 30 Milliampere, dahinter zweipolige thermische Schutzschalter je Verbraucherkreis, typischerweise mit 10 Ampere.
Zweipolig ist dabei kein Detail: An Bord kann nicht vorausgesetzt werden, welcher der beiden Leiter der Außenleiter ist — an einer verpolten Stegdose stimmt die Annahme nicht. Deshalb werden beide Leiter geschaltet und getrennt.
Die Drei-Meter-Regel
HinweisLiegt die Einspeisungsstelle mehr als drei Meter von der Landanschlusseinheit entfernt, muss die Zuleitung nach EN ISO 13297 zusätzlich in der Nähe der Einspeisung mit einem zweipoligen Leitungsschutzschalter abgesichert werden.
Der Grund ist derselbe wie bei der Hauptsicherung auf der Gleichstromseite: Das Leitungsstück zwischen Einspeisung und Verteilung ist durch nichts geschützt. Bei kurzen Wegen ist das Risiko vertretbar, bei längeren nicht.
Mehrere Quellen — aber nie gleichzeitig
Landanschluss, Generator und Wechselrichter dürfen sich niemals überlagern. Zwei Quellen gleichzeitig auf demselben Netz bedeuten im besten Fall zerstörte Geräte, im schlechten eine Rückspeisung in das Landnetz — also Spannung auf einem Kabel, das jemand für stromlos hält.
Sichergestellt wird das durch eine Umschalteinheit, die immer nur eine Quelle durchschaltet und die übrigen spannungsfrei hält. Bei zwei Quellen — Land und Generator — genügt ein Umschalter im Panel; bei drei Quellen übernimmt das eine eigene Umschalteinheit, die zusätzlich anzeigt, welche Quelle gerade anliegt.
Die Anzeige gehört dazu: Netzkontrollleuchten und ein Voltmeter machen sichtbar, ob und mit welcher Spannung eingespeist wird. An einer schwachen Stegdose bricht die Spannung unter Last messbar ein — ohne Anzeige merkt man das erst am Verhalten der Verbraucher.
Trennung von der Gleichstromseite
Beide Systeme werden getrennt geführt: getrennte Kabelkanäle, getrennte Klemmenbereiche, eindeutige Kennzeichnung. Wo sich Wege kreuzen müssen, geschieht das mit Abstand und mechanischem Schutz.
Der Fehlerfall erklärt die Regel: Berühren sich beide Seiten, liegen 230 Volt auf einem Gleichstromkreis, dessen Geräte, Klemmen und Isolierungen dafür nicht gebaut sind. Anzeigen, Sensoren und Busteilnehmer sind dann sofort zerstört — und die Anlage steht unter einer Spannung, mit der niemand rechnet.
Leitungen und Steckvorrichtungen
- Dreiadrig. Außenleiter, Neutralleiter, Schutzleiter — mit den dafür vorgesehenen Farben.
- Feindrähtig und flexibel. Wie auf der Gleichstromseite gilt: Bewegung und Vibration vertragen keine starren Adern.
- Steckvorrichtungen für den Außenbereich. Der Landanschluss sitzt dort, wo Spritzwasser hinkommt.
- Zugentlastung an jedem Anschluss. Am Landanschluss zieht regelmäßig jemand am Kabel.
- Kein Verlegen in der Bilge. Weder für AC noch für DC.
Wechselrichter als Quelle
Ein Wechselrichter erzeugt an Bord eine Spannung, die genauso gefährlich ist wie die vom Steg. Er gehört deshalb in dieselbe Systematik: eigener Schutz, Einbindung in die Umschaltung, Schutzleiterkonzept nach Herstellervorgabe.
Der letzte Punkt wird oft übersehen: Wie der Neutralleiter des Wechselrichters mit dem Schutzleiter verbunden ist, unterscheidet sich je nach Gerät und Betriebsart. Diese Angabe steht im Handbuch und ist keine Sache des Ermessens — davon hängt ab, ob der Fehlerstromschutz im Inselbetrieb überhaupt funktioniert.
Der Zusammenhang mit Korrosion
Der Schutzleiter des Landanschlusses verbindet die Metallteile an Bord mit denen aller anderen angeschlossenen Boote. Elektrisch ist das richtig und notwendig; elektrochemisch entsteht daraus ein Element über den ganzen Steg.
Auflösen lässt sich der Widerspruch mit einem galvanischen Isolator im Schutzleiter — er sperrt kleine Gleichspannungen, lässt Fehlerströme aber durch — oder mit einem Isolationstransformator, der die Anlage vollständig vom Landnetz trennt. Der Schutzleiter selbst wird dabei nie einfach weggelassen.
Typische Fehler
- Schutzleiter geschaltet oder abgesichert. Er wird durchgehend geführt und nie unterbrochen.
- Einpolige Schutzschalter verwendet. An einer verpolten Dose schaltet dann der falsche Leiter.
- Drei-Meter-Regel übersehen. Das Stück zur Einspeisung bleibt sonst ungeschützt.
- Quellen nicht verriegelt. Rückspeisung ins Landnetz ist die gefährlichste Variante.
- AC und DC im selben Kanal. Im Fehlerfall liegen 230 Volt auf der Gleichstromseite.
- Schutzleiter wegen Korrosion getrennt. Dafür gibt es Isolator und Trenntransformator.
Arbeiten an der Wechselstromseite gehören in fachkundige Hände. Dieser Beitrag erklärt die Zusammenhänge und ersetzt weder den Normtext noch die Prüfung durch eine qualifizierte Person.
