Warum der Preis pro Amperestunde in die Irre führt
Ein Datenblatt vergleicht Nennkapazitäten. Sie kaufen aber keine Nennkapazität, Sie kaufen entnehmbare Energie über eine Nutzungsdauer. Zwischen diesen beiden Größen liegen zwei Faktoren, die sich zwischen den Technologien deutlich unterscheiden: die zulässige Entladetiefe und die Zyklenzahl.
Eine Bleibatterie — ob AGM, Gel oder Nass — darf im Dauerbetrieb etwa zur Hälfte entladen werden. Von 200 Ah Nennkapazität sind also rund 100 Ah nutzbar. Wer sie tiefer entlädt, bekommt das nicht sofort zu spüren, sondern über eine deutlich kürzere Lebensdauer. Eine LiFePO4-Zelle verträgt 80 bis 90 Prozent Entladetiefe ohne nennenswerte Einbußen; aus 200 Ah werden dort etwa 170 Ah.
Der zweite Faktor ist die Zyklenzahl bis 80 Prozent Restkapazität. Und hier liegt der Fehler, der fast jeden Vergleich unbrauchbar macht: Eine Zyklenzahl ohne die zugehörige Entladetiefe ist keine Information. Dieselbe AGM-Batterie schafft bei 30 Prozent Entladetiefe rund 1.500 Zyklen, bei 50 Prozent etwa 600 und bei 80 Prozent nur noch rund 400. Wer die 1.500 aus dem Prospekt gegen einen Lithiumwert bei voller Entladung stellt, vergleicht zwei verschiedene Betriebsarten.
| Entladetiefe | AGM | Gel | LiFePO4 |
|---|---|---|---|
| 30 % | ca. 1.500 | ca. 1.800 | weit über 5.000 |
| 50 % | ca. 600 | ca. 750 | über 5.000 |
| 80 % | ca. 400 | ca. 500 | 2.500–3.500 |
Zyklen bis 80 Prozent Restkapazität, typische Bandbreiten für Bordanwendungen bei 25 °C. Bei gleicher Entladetiefe liegt LiFePO4 um den Faktor sechs bis acht vorn — das ist der ehrliche Vergleich.
Drittens die Ladeakzeptanz. Blei nimmt Ladestrom nur begrenzt an, typisch 0,2 bis 0,3 C, und verbringt die letzten 20 Prozent in einer langen Absorptionsphase. Wer täglich zwei Motorstunden hat, bekommt eine Bleibatterie-Bank praktisch nie voll — und eine chronisch teilgeladene Bleibatterie sulfatiert und erreicht ihre Datenblatt-Zyklenzahl nicht annähernd. Das ist kein Randfall: In der Praxis ist es der häufigste Grund, warum Bleibatterie-Bänke früher sterben als gerechnet. LiFePO4 nimmt bis kurz vor Schluss vollen Strom an.
Erste Rechnung: Kosten je entnommener Amperestunde
FormelKosten je Ah = Anschaffungspreis ÷ (Nennkapazität × Entladetiefe × Zyklen)
Alle vier Größen stehen im Datenblatt oder im Angebot — wichtig ist nur, dass Zyklenzahl und Entladetiefe zusammenpassen. Ein Rechenbeispiel für eine Batterie-Bank mit 300 Ah nutzbarem Bedarf. Die Preise sind Annahmen und dienen nur dazu, das Verfahren zu zeigen; setzen Sie Ihre eigenen Angebote ein.
| Größe | AGM | LiFePO4 |
|---|---|---|
| Benötigte Nennkapazität | 600 Ah | 375 Ah |
| Angesetzte Entladetiefe | 50 % | 80 % |
| Zyklen bei dieser Entladetiefe | ca. 600 | ca. 2.500 |
| Anschaffungspreis (Annahme) | 1.200 € | 2.900 € |
| Entnehmbare Energie über die Lebensdauer | 180.000 Ah | 750.000 Ah |
| Kosten je entnommener Ah | 0,67 Cent | 0,39 Cent |
| Gewicht der Batterie-Bank | ca. 180 kg | ca. 45 kg |
Faktor 1,7 zugunsten von LiFePO4 — deutlich weniger, als in Verkaufsargumenten üblicherweise steht. Der Grund: Die AGM wird hier bei 50 Prozent und damit in ihrem günstigsten sinnvollen Betriebspunkt gerechnet.
Zweite Rechnung: Kosten über eine Nutzungsdauer
Die erste Rechnung unterstellt, dass die Zyklen auch abgerufen werden. Genau daran scheitert das Argument in der Praxis. Batterien werden nicht in Zyklen bezahlt, sondern in Ersatzbeschaffungen über einen Zeitraum. Entscheidend ist deshalb, wie oft Sie in diesem Zeitraum eine neue Batterie-Bank kaufen müssen.
| Volle Zyklen pro Jahr | In 15 Jahren | AGM | LiFePO4 | Günstiger |
|---|---|---|---|---|
| 30 (Dauerlieger) | 450 | 1 Batterie-Bank · 1.200 € | 1 Batterie-Bank · 2.900 € | AGM |
| 50 (Wochenendtörns) | 750 | 2 Batterie-Bänke · 2.400 € | 1 Batterie-Bank · 2.900 € | AGM |
| 80 (längere Törns) | 1.200 | 2 Batterie-Bänke · 2.400 € | 1 Batterie-Bank · 2.900 € | AGM |
| 100 (Ankerbetrieb) | 1.500 | 3 Batterie-Bänke · 3.600 € | 1 Batterie-Bank · 2.900 € | LiFePO4 |
| 150 (Langfahrt) | 2.250 | 4 Batterie-Bänke · 4.800 € | 1 Batterie-Bank · 2.900 € | LiFePO4 |
Mit den Preisannahmen von oben und 15 Jahren Betrachtungszeitraum. Ein- und Ausbau, Entsorgung und die zusätzliche Ladetechnik beim Umstieg sind nicht enthalten — sie verschieben das Bild weiter zugunsten der länger haltenden Batterie-Bank.
Der Umschlagpunkt liegt damit bei rund 100 vollen Zyklen im Jahr, also etwa hundert Nächten am Anker oder autark stehend. Darunter ist die reine Kostenrechnung kein Argument für Lithium — dann entscheiden Gewicht, Platz, Ladezeit und die Frage, ob Sie überhaupt genug Ladeleistung haben, um eine große Bleibatterie-Bank vollzubekommen.
Zwei Korrekturen an dieser Rechnung, beide aus der Praxis: Erstens erreichen Bleibatterie-Bänke ihre Datenblattzyklen selten, weil sie chronisch teilgeladen betrieben werden — das verschiebt den Umschlagpunkt nach unten. Zweitens altert LiFePO4 auch kalendarisch, unabhängig von der Nutzung. Wer nur 30 Zyklen im Jahr fährt, erreicht die 2.500 Zyklen rechnerisch erst nach über achtzig Jahren — die Zelle ist lange vorher am Ende. Die gerechnete Ersparnis tritt dann nie ein.
Ausnahmen: Wann AGM die bessere Wahl bleibt
Dauerlieger mit Landstrom. Wenige Zyklen, unkritisches Verbrauchsprofil, vorhandene Ladeinfrastruktur. Hier zahlt sich der Aufpreis nicht zurück.
Betrieb bei Frost. LiFePO4 darf bei niedrigen Temperaturen nicht geladen werden — die Herstellerangaben für die untere Ladegrenze reichen von −5 bis +5 °C. Bleibt das Schiff über Winter in Betrieb und kommt keine beheizte Batterie infrage, ist Blei die robustere Lösung.
Starterbatterie. Für kurze, sehr hohe Ströme und Dauerladung an der Lichtmaschine ist Blei ausgelegt und bewährt. Der Wechsel lohnt hier fachlich nicht.
Bestandsanlage ohne Umbaubudget. Der Batteriepreis ist beim Technologiewechsel nicht der einzige Posten. Ladegerät oder Laderegler mit Lithium-Kennlinie, externer Regler oder Ladewandler für die Lichtmaschine, Solarladeregler mit passender Ladeschlussspannung, Batteriemonitor mit Shunt und eine auf die höheren Kurzschlussströme ausgelegte Absicherung kommen dazu. Wer nur die Batterie im Budget hat, kauft ein System, das nicht funktioniert.
WarnungEine Batterie-Bank aus LiFePO4-Zellen verschwindet im Fehlerfall schlagartig aus dem Bordnetz, wenn das BMS unter Last trennt. Die Lichtmaschine arbeitet dann gegen keine Batterie mehr, und die entstehende Spannungsspitze zerstört regelmäßig den Gleichrichter. Externer Regler mit Pufferbatterie oder ein Ladewandler gehören zur Planung, nicht zur Kür.
Typische Fehler beim Vergleich
- Nennkapazitäten gegenüberstellen. 200 Ah AGM und 200 Ah LiFePO4 sind nicht dasselbe Produkt. Vergleichen Sie nutzbare Kapazität.
- Zyklen ohne zugehörige Entladetiefe zitieren. Der häufigste Trick in Verkaufsunterlagen — auf beiden Seiten.
- Nur die Anschaffung rechnen. Entscheidend ist die Zahl der Ersatzbeschaffungen über Ihren Nutzungszeitraum.
- Folgekosten des Umstiegs ausblenden. Laderegler, Absicherung und Monitoring gehören in die Rechnung.
- Kalendarische Alterung vergessen. Bei geringer Nutzung begrenzt sie die Lebensdauer, nicht die Zyklenzahl.
- Ladezeit nicht bewerten. Wer nur kurze Motorphasen hat, bekommt eine große Bleibatterie-Bank nie voll — die gerechnete Kapazität steht dann nie zur Verfügung.
- Gewicht und Trimm übersehen. 180 kg gegen 45 kg verändern bei kleineren Schiffen die Lage spürbar.
So gehen Sie vor
Ermitteln Sie zuerst den Tagesverbrauch und daraus die nutzbare Kapazität. Erst dann hat der Technologievergleich eine Grundlage — ohne diese Zahl vergleichen Sie Produkte, die gar nicht zur Anlage passen. Schätzen Sie anschließend die vollen Zyklen pro Jahr aus Ihrem tatsächlichen Nutzungsprofil, nicht aus dem geplanten: Ein Zyklus ist eine vollständige Entladung im Rahmen der zulässigen Entladetiefe, zwei halbe Nächte am Anker sind ein Zyklus. Holen Sie zuletzt Angebote für beide Varianten inklusive der nötigen Ladetechnik ein und setzen Sie die Zahlen in beide Rechnungen oben ein.
